Ein Ziel ist seiner Natur nach immer zeitlich und räumlich bestimmt. Vorausgesetzt, Geschichte hat ein Ziel, es wäre nicht nur unklar, wann sie ihr Ziel erreicht, sondern auch wo. Über die Gesetzmäßigkeiten der dialektischen Entwicklung ist schon viel gesagt worden, aber die Empirie der Historie und der Gegenwart gewinnt in neuerer Zeit zunehmend an Bedeutung. Ob das Ziel der Geschichte nun sonnengleich und damit auch ikarusgleich unerreichbar bleibt, sei dahingestellt, festzustellen ist jedenfalls, dass die Soziologie, die Psychologie und auch die gegenwärtige Philosophie bemüht sind, einen Nachvollzug des Ortswechsels zu bewerkstelligen, wohin er auch gehen mag. Vom Inneren des Menschen her, das heißt vom individuellen und kulturellen Selbstverständnis, als auch von der äußeren Symptomatik des Geschehens her, versuchen wir einen Überblick zu gewinnen, wie sich der Weg der Geschichte seinen Weg in das Heute gebahnt hat und welchen Weg er sich von Heute aus bahnen wird.
Eine herausragende Grundtendenz kann als wachsende Monstrosität der Technik und des Einflusses der Folgeerscheinungen insbesondere des naturwissenschaftlich-rationalen Denkens bezeichnet werden. Es sei nur an den Optimismus einiger KI-Forscher erinnert, die der Intelligenz der Maschinen ein exponentielles Wachstum zuschreiben, und von daher die Intelligenz des Menschen schon bald in den Schatten stellen werde. Da sich im Bereich der Algorithmen im Augenblick die Entwicklung derselbigen sehr beschleunigt, sind Hinweise auf die baldige Überflüssigkeit des Großteils der menschlichen Arbeit nicht ganz unberechtigt, sodass die Monstrosität, neben den bereits geschehenen und sich fortsetzenden monströsen Kränkungen des kopernikanischen Weltbildes und der schier unfassbaren Größe des Universums, der Evolutionstheorie, sowie der Psychoanalyse und der ohnehin schon geschehenden Maschinisierung, Spezialisierung und Sinnentleerung der menschlichen Existenz, in seiner Blöße offenbar wird und als massiver und über uns hereinzustürzen drohender Überbau erkannt wird.
Anstatt die monströsen Kränkungen unseres Selbstverständnisses zu ignorieren – was diese keineswegs ungeschehen macht – sind wir dazu aufgefordert, und das ist der Weg, der sich in meinen Augen derzeit abzeichnet, unsere Intelligenz an ebenjener Monstrosität wachsen und sich entfalten zu lassen. An dieser Monstrosität, dem Unüberschaubaren und uns als Mensch und Menschheit Überwältigende, monströs auch weil fremdartig, unerkannt und augenscheinlich unbesiegbar, vollzieht sich derzeit der Gang zum hypothetisch verstandenen Ziel der Geschichte. Regress ist unmöglich. Das Monströse vollzieht sich auch im Regress Einzelner weiter, sich speisend aus den Bestrebungen des Restes der Menschheit.
Nochmal anders gesagt: Das Monströse ist ultimative Komplexität. Die Bestandteile des Komplexes können ganz konkret benannt werden. Fragen wir uns doch einmal, wie lange es bestimmte technische Errungenschaften gibt, die mittlerweile den Großteil der Menschheit durchziehen und selbstverständlich und geläufig sind. Wie lange gibt es Motoren und Elektrizität und daraus folgend, Produktionsmaschinen, Glühbirnen, Autos, Flugzeuge und Containerschiffe, Telefone, Internet, E-Mails und zahllos andere Dinge, welche schon jede für sich eine kleine Revolution im menschlichen Zusammenleben darstellen? Wie lange gibt es Schusswaffen, Autobahnen und ÖPNV, wie lange gibt es Supermärkte und Elektroläden, multinationale Konzerne und Börsen? Wie lange gibt es moderne, von der Religion losgelöste Kunst und moderne Architektur, elektrische Musik und Lautsprecher, Bildschirme, Kinosäle und Spielfilme? Wie lange gibt es moderne Physik, mit Quantenmechanik und Kernspaltung, Solaranlagen und Satelliten, Mondraketen und Drohnen? Wie lange gibt es Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Biologie, Chemie, moderne Medizin, VWL, Kapitalismus, Sozialismus und moderne Staaten? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen und es wird noch einmal jene vermeintlich banale Tatsache ersichtlich, dass die meisten Errungenschaften, von der Entdeckung Amerikas oder vom Buchdruck bis zum heutigen Smartphone in den letzten fünf Jahrhunderten stattfanden, was erd- und menschheitsgeschichtlich eine sehr kleine Zeitspanne ist, wenn man überdies bedenkt, dass die Dichte der Entdeckungen mit fortschreitender Zeit immer noch zugenommen hat und zunimmt.
Wie gesagt, jedes all dieser Dinge für sich genommen, wäre schon eine kleine Revolution, jetzt haben wir es aber auch noch damit zu tun, dass all diese Dinge wechselwirken und wir von daher noch weniger in die Zukunft sehen können, als das ohnehin schon immer der Fall war, weil das, was derzeit geschieht, zu komplex, zu monströs ist, als dass wir uns dem sinnvoll stellen könnten. Hinzu kommt, einerseits, dass das Alte durch das Neue nicht restlos vernichtet wird, sondern dass wiederum das Alte mit dem Neuen interagieren wird und andererseits, dass wir jetzt die Möglichkeit besitzen, uns all dieser Dinge und all der Wechselwirkungen via Internet bewusst zu werden und uns auch bewusst werden, dass das, womit wir uns persönlich befassen immer nur ein kleiner Ausschnitt ist, vielleicht der für uns am dringlichsten ist, oder für uns am unterhaltsamsten und dass wir daher die wesentlichen Subtexte, die sich im Laufe der Geschichte als relevant erweisen werden, überhaupt nicht mitbekommen, egal ob wir uns profan nur für die Dinge im Netz interessieren, die uns belustigen oder über die Dinge die dem Augenschein nach von großer Relevanz, weil schädlich, sind, wie etwa der Klimwandel oder Gentechnik oder Mikroplastik. Wir haben daher absolut keine Möglichkeit zu sagen, wohin uns die Geschichte führen wird, und können uns auch nicht dementsprechend verhalten, die alten Kategorien und Denkschemata reichen einfach nicht aus. Wir sind vorläufig gezwungen, mitzumachen. Das Monströse ist auch deswegen monströs, weil es uns dergestalt vereinnahmt. Weil wir keine Möglichkeit haben, seiner Vereinnahmung zu entgehen. Wir verstehen uns als freie Individuen und pochen darauf, dass diese unsere Freiheit in keinster Weise beschnitten wird, andererseits werden wir so von den äußeren Entwicklungen vereinnahmt, dass man in dieser Hinsicht keineswegs von Freiheit sprechen kann. Wir haben also die Partikularisierung in Individuen, die sich ausschnittweise, quasi häppchenweise mit der Realität befassen, bei gleichzeitig überbordender Komplexität und Vereinnahmung der Individuen durch die Monstrosität.
Die Aufgabe der Philosophie wird es deswegen sein, den Pluralismus, die Vielfalt der Anschauungen innerhalb des Menschengeschlechts zu umfassen, ohne dass diese negiert werden und zugleich darin selbst sich zu positionieren, eingedenk der Tatsache, dass eine Positionierung immer nur vorläufig ist. Was wir daher in der Philosophie erleben, ist ein Wiedererwachen eines zwangsweise ins Extrem getriebenen Nichtwissens, und daraus resultierend ein Wiedererwachen der Fähigkeit zuzuhören, dem Versuch, der Vielfalt der Menschen durch prinzipielle Offenheit gewachsen zu sein, aber zugleich innerhalb der Vielfalt klar umrissen und luzid zu bleiben. Das Dogma des einsamen Philosophen ist daher im Verschwinden begriffen. Und die Erkenntnisse der Alten sind nach wie vor sehr, sehr wichtig, aber angesichts der aktuellen und kommenden Auseinandersetzung mit der Monstrosität gewinnen sie einen Beigeschmack von Langeweile und Fadheit. Das kommt daher, dass wir vor einer neuen Stufe der menschlichen Entwicklung stehen. Mit Gebser können wir diese neue Stufe aperspektivisches Denken nennen, mit Piaget polyvalente Logik oder mit Wilber Schaulogik. Diese Stufe bezeichnet den Umgang mit der Vielzahl an in sich komplexen und mit anderen komplexen Systemen wechselwirkenden Bereichen des menschlichen Lebens und den damit einhergehenden Wandel des Denkens.
Zugleich also mit dem Neuen im Äußeren, dem Auftreten eines universellen Monstrums in unserem Bewusstsein, folgt einer Neuerung der Dialektik, die sich mit den Worten von Kusanowsky nunmehr in der Polarität von Erratik und Paranoia bewegen, also zwischen dem Versuch der Monstrosität beizukommen, sich ihr anzupassen, indem das Denken gleichsam asymmetrisch wird und zwischen dem Versuch, all das in einer paranoischen Fiktion zusammenzupassen, das Monströse also in ein symmetrisches und daher verstehbares Weltbild zu zwängen. Man könnte die Monstrosität mit Blick auf die buddhistische Philosophie und als ontologische Erweiterung auch als Unendlichkeit der Formen bezeichnen. Wir begreifen, dass das manifeste Sein, unaufhörlich die Entwicklung seiner Formen fortzusetzen imstande ist und mit jedem neuen Zeitpunkt auch eine neue Erfahrung im Universum hinzukommt, was man mit Whitehead Tropfen der Erfahrung nennen könnte, dass also alles Sein permanent im Werden und im Hervorbringen neuer, und zuzeiten auch emergenter Formen begriffen ist. Die Frage lautet angesichts des Überschlagens der neuen Formen, angesichts der sci-fi-artigen, apokalyptischen Neigung der Geschichte in das Monströse (sofern man hier Apokalyptik bemühen will): Wie umfassend kann der menschliche Geist werden? Zu welchen Auseinandersetzungen ist der Mensch in der Lage und wie lernfähig ist er? Ist er fähig, das Monströse zu bewältigen, oder wird er am Monströsen zugrunde gehen?
Denn wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch nicht bloßes Opfer seiner Umstände ist, sondern paradoxerweise diese Umstände immer mit herstellt. Sollte also beispielsweise eines Tages ein neues Für-sich in Form einer KI das Licht der Welt und des Bewusstseins erblicken, wäre das kein singuläres Ereignis, sondern die KI und die Menschen würden interagieren und da Menschen lernfähig sind, würden neue Weisen des Daseins gefunden werden. Die Unendlichkeit der Formen findet immer auf dem metaphorischen Boden der Leerheit statt, und das Universum und auch der Mensch als Teil desselben sind potenziell immens kreativ, weil die Leere nichtbedingt und nichtbedingend ist. Die Leere als Grund der Manifestationen lässt die Unendlichkeit der Formen erst zu. Dass ein beliebiges Existierendes diese und diese Form hat, ist erst dadurch möglich, dass seine Form auch anders sein könnte. In dem Existierenden selbst liegt also diese Leerheit. Erstaunlich ist jedoch in jeder Hinsicht, welchen Gang die Geschichte der Menschen hier genommen hat und wie das, was ich Monstrostität nenne sich hier auf der Erde entfalten konnte. Der Begriff Monstrosität freilich erweckt negative Assoziationen, was er auch soll, um die Unerhörtheit des Geschehenden freizulegen, aber gleichzeitig sei davor gewarnt, ihn als Signal und Rechtfertigung für universellen Kulturpessimismus misszuverstehen. Wir wissen nichts über das Ende unserer Geschichte, weder ob es positiv, noch ob es negativ ausgehen wird. Das einzige was uns zunächst bleibt, ist die momentane Bewegung nachzuvollziehen und ihr durch immer besseres Scheitern gerechter zu werden.

